Mit der Integration von Copilot in Windows 11 hat Microsoft einen tiefgreifenden Wandel im Desktop-Erlebnis eingeläutet – unterstützt durch künstliche Intelligenz, stets präsent im Interface, lernfähig und scheinbar hilfreich. Doch mit dieser Innovation sind erhebliche datenschutzrechtliche und sicherheitstechnische Fragen verbunden. Welche Daten erhebt Copilot? Wo landen sie? Und vor allem: Was können Nutzer:innen tun, um ihre Privatsphäre zu schützen?
Was ist Windows Copilot – und warum steht es im Fokus des Datenschutzes?
Seit der offiziellen Einführung im Herbst 2023 hat sich Windows Copilot als integraler Bestandteil von Windows 11 etabliert. Die KI-basierte Assistenzfunktion – angetrieben durch Microsofts Integration von OpenAI-Technologien – ermöglicht es Nutzer:innen, Systemfunktionen zu steuern, Fragen zu stellen, Office-Dokumente zu analysieren oder den PC-Workflow effizienter zu gestalten. Dabei greift Copilot auf eine Vielzahl lokaler und cloudbasierter Datenquellen zu.
Genau darin liegt das datenschutzrechtliche Problem: Copilot hat technisch Zugriff auf Dateien, Inhalte, Nutzergewohnheiten und möglicherweise auch sensible Informationen. Zwar verspricht Microsoft, die Datenverarbeitung DSGVO-konform und transparent zu gestalten, doch Datenschützer:innen äußern Zweifel. Der Hamburgische Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit (HmbBfDI) wies im Juli 2024 auf erhebliche Lücken in der Datenverarbeitungstransparenz hin – insbesondere im Hinblick auf Logdaten, Nutzungsprofile und die Verbindung zur Microsoft-Cloud.
Welche Daten verarbeitet Copilot – und welche Risiken bestehen konkret?
Windows Copilot funktioniert über eine Kombination lokaler Prozesse und Cloud-basierter Dienste. Bei Nutzung können unter anderem folgende Daten erhoben und übertragen werden:
- Dateiinhalte, etwa wenn Nutzer:innen um Textzusammenfassungen bitten oder Dokumente analysieren lassen
- Systemnutzung, wie App-Aktivität, installierte Software oder UI-Eingaben
- Webanfragen, insbesondere bei integrierter Bing- oder Edge-Nutzung durch Copilot
- Standortdaten, sofern für bestimmte Kommandos erforderlich
- Benutzerprofile, inklusive Sprache, Verhalten, zuletzt verwendete Dateien
Diese Daten landen teilweise auf Microsoft-Servern – häufig in den USA. Die Transatlantik-Datentransfers unterliegen zwar seit Inkrafttreten des Data Privacy Frameworks 2023 formal einem rechtlichen Rahmen, doch Organisationen wie der Europäische Datenschutzausschuss (EDSA) bleiben kritisch. Da Microsoft Copilot in eine Vielzahl an Anwendungen integriert hat – von Edge bis Microsoft 365 – entsteht ein umfassendes Nutzerprofil. Durch KI-Auswertungen können aus einfachen Befehlen tiefe Rückschlüsse auf berufliche oder private Inhalte gezogen werden.
Die Datenschutzorganisation NOYB (None of Your Business) mahnte in ihrer Stellungnahme von Oktober 2024 die fehlende granular steuerbare Datenverarbeitung an: Noch immer sei unklar, wann Copilot-Daten lokal bleiben und wann sie in die Cloud wandern – selbst bei deaktivierter Cloud-Zugriffsoption.
Datenschutz in der Kritik – Stimmen aus Wissenschaft und Praxis
Datenschutzexpert:innen sehen im Windows-Copilot ein Lehrstück für unausgewogene Verhältnisverhältnisse von Komfort und Kontrolle. Prof. Dr. Tina Klöpper, Inhaberin des Lehrstuhls für IT- und Datenschutzrecht an der Universität Regensburg, betont: „Schon durch die tiefgehende Systemintegration von Copilot ist eine vollständige Datenentkopplung von Haus aus kaum möglich. Nutzer:innen haben momentan zu wenig Kontrolle über die Art und den Umfang der KI-gestützten Datenverarbeitung.“
Eine im Frühjahr 2025 publizierte Studie des Fraunhofer AISEC zeigte, dass 68 % der befragten IT-Administrierenden in deutschen Unternehmen Microsoft Copilot als „datenschutztechnisch bedenklich“ einstufen – vor allem hinsichtlich unklarer Übertragungsprozesse und fehlender Protokollierung lokaler KI-Aktivitäten.
Relevante Erhebungen untermauern die wachsende Sorgenlage. Laut der Bitkom-Umfrage „Digital Office Index 2025“ fürchten 54 % der Unternehmen durch KI-Features wie Copilot einen Kontrollverlust über sensible Informationen. Gleichzeitig nutzen bereits über 38 % Copilot oder vergleichbare KI-Lösungen produktiv – oftmals ohne belastbares Governance-Konzept.
Microsofts Reaktion: Transparenzinitiativen und neue Kontrollcenter
Microsoft hat auf die Kritik reagiert und seit Anfang 2025 neue Kontrollmöglichkeiten eingeführt, darunter das sogenannte Windows Privacy Dashboard. Es erlaubt Nutzer:innen detailliertere Einsichten in Copilot-spezifische Datenverarbeitungsvorgänge. Auch das neue KI-Datenmanagementzentrum innerhalb von Windows 11 ersetzt das frühere Telemetrie-Modul und gibt Aufschluss über Zweck, Speicherort und Nutzungsart der erhobenen Daten.
Allerdings bleibt die Umsetzung durchwachsen. In einer Stellungnahme vom Herbst 2025 lobte der TÜV-Verband die Initiative, bemängelte aber zugleich das „mangelhafte Nutzbarkeitsdesign“ und die „irreführende Benutzerführung“ bei der Konfiguration des Copilot-Datenschutzes.
Ein entscheidendes Problem liegt in der Voreinstellung: Viele Copilot-Funktionen sind standardmäßig aktiv – ein Opt-in-Modell wäre aus Sicht von Datenschutzverbänden wesentlich angemessener.
Drei Maßnahmen für besseren Datenschutz unter Windows 11 Copilot
Nutzer:innen, die Wert auf digitale Selbstbestimmung legen, können ihren Datenschutz bei der Nutzung von Copilot deutlich verbessern – auch ohne vollständig auf die Funktion zu verzichten. Folgende Maßnahmen gelten als bewährte Empfehlungen:
- Copilot-Einstellungen überprüfen und anpassen: Im Menü „Einstellungen > Datenschutz & Sicherheit > Copilot“ lassen sich Cloudfunktionen, Verlaufsspeicherung und Dateiindexierung selektiv deaktivieren. Auch das persönliche Profil lässt sich löschen.
- Datenschutzfreundliche Netzwerklösungen einsetzen: Tools wie DNS-Filter (z. B. NextDNS, Pi-hole) erlauben die selektive Blockierung von Microsoft-Telemetrie- und Analyse-Hosts. Das reduziert den Cloud-Datenabfluss substanziell.
- Auditieren mit Netzwerkanalyse-Software: IT-affine Nutzer:innen können mithilfe von Tools wie Wireshark oder Microsofts eigener Endpoint Manager-Plattform Netzwerkaktivitäten von Copilot überwachen und dokumentieren.
Alternativen: KI-Assistenz ja – aber mit Datenschutzfokus
Für Privatanwender:innen und Organisationen, die Copilot als zu datensensibel oder intransparent empfinden, bieten sich datenschutzfreundlichere Alternativen an. Einige der interessantesten Lösungen im Markt:
- PrivateGPT: Eine lokal ausgeführte LLM-Lösung, basiert auf llama.cpp, läuft ohne Cloud-Anbindung und kommt ohne Datenübertragung ins Internet aus
- Kopano Meet & DeskNow AI: Europäische Open-Source-Lösungen für KI-Integration in Unternehmensprozesse mit dedizierten DSGVO-Konzepten
- Mozilla Firefox Voice (Projekt eingestellt, aber Open-Source-Forks verfügbar): Sprachsteuerungstools mit Fokus auf lokale Verarbeitung, keine Datenweitergabe an Dritte
Zudem entwickeln Start-ups wie Aleph Alpha und Merantix Labs datenschutzkonforme KI-Baukastensysteme, die gezielt für souveräne Datenhaltung in Unternehmen konzipiert sind. Der Trend zu „Sovereign AI“ – also KI-Anwendungen, die Eigentum und Kontrolle der Daten beim Nutzer belassen – gewinnt an Fahrt.
Fazit: Datenschutz braucht Kontrolle – und informierte Entscheidungen
Windows 11 Copilot steht exemplarisch für das Dilemma moderner KI-Nutzung: technologische Bequemlichkeit trifft auf strukturelle Intransparenz. Damit Privatsphäre nicht zum Kollateralschaden der Automatisierung wird, brauchen Nutzer:innen echte Wahlmöglichkeiten, nachvollziehbare Information und funktionierende Kontrollinstrumente.
Es liegt nicht nur an Microsoft, sondern an einem informierten und selbstbestimmten digitalen Handeln von Nutzer:innen, IT-Abteilungen und politischen Entscheider:innen gleichermaßen. Transparenz, Bildung und Regulierung müssen Hand in Hand gehen, um Künstliche Intelligenz verantwortungsvoll in unsere Betriebssysteme zu integrieren.
Diskutieren Sie mit der Community: Nutzen Sie Copilot – und wenn ja, unter welchen Bedingungen? Welche Tools oder Maßnahmen haben Sie zum Schutz Ihrer Privatsphäre im Einsatz? Schreiben Sie uns in den Kommentaren oder teilen Sie Ihre Erfahrungen auf unseren Kanälen!




