Künstliche Intelligenz

Datenschutzalarm: Wie sicher ist der Copilot in Windows 11 wirklich?

Ein modernes Home-Office mit sanftem Tageslicht, in dem eine nachdenkliche Person vor einem leuchtenden Bildschirm sitzt, der subtil die Windows-11-Oberfläche zeigt, während durch große Fenster warme Sonnenstrahlen und eine beruhigende, vertrauensvolle Atmosphäre den Raum erfüllen.

Seit dem offiziellen Rollout von Microsoft Copilot in Windows 11 brodelt die Debatte: Ist die neue KI-Funktion ein Produktivitätsturbo – oder ein potenzieller Datenschleuder? Immer mehr Datenschützer:innen schlagen Alarm. Zu Recht, denn ein genauer Blick auf die Systemarchitektur, Datenerfassungsmechanismen und Nutzungsbedingungen offenbart riskante Grauzonen.

Was ist der Windows Copilot überhaupt?

Im Juni 2023 erstmals vorgestellt und seit Ende 2023 fester Bestandteil aktueller Windows-11-Versionen, ist der Microsoft Copilot als „zentraler KI-Assistent“ tief in das Betriebssystem integriert. Aufbauend auf GPT-4-Technologie von OpenAI, bietet Copilot Antworten, Vorschläge, Prozessautomatisierungen und eine systemweite Unterstützung beim Schreiben, Suchen und Konfigurieren. Anders als klassische Sprachassistenten agiert Copilot systemnah – mit Zugriff auf Dateien, Einstellungen und Anwendungen.

Microsoft hatte den Anspruch, mit Copilot eine intuitive und effiziente Mensch-Computer-Interaktion zu ermöglichen. Die Kehrseite dieser tiefen Vernetzung wird nun zum Anliegen von Datenschützer:innen weltweit.

Befürchtungen der Datenschützer: Zugriff weit über das Notwendige

Die Konferenz der unabhängigen Datenschutzaufsichtsbehörden des Bundes und der Länder (DSK) äußerte bereits Ende 2025 in einem gemeinsamen Papier Zweifel an der DSGVO-Konformität des Copilots. Kernvorwurf: Transparenzmängel und unklare Abgrenzungen, welche Daten lokal bleiben und welche an Cloud-Systeme wie Microsoft Azure oder OpenAI übermittelt werden.

Ein zentraler Kritikpunkt ist, dass Copilot häufig Daten verarbeitet, ohne dass Nutzer:innen aktiv zustimmen oder über den Umfang der Datenübermittlung transparent aufgeklärt werden. Vor allem Textinhalte, Systeminformationen, Kalenderdaten und Nutzungsverhalten können laut Microsoft-Dokumentation „zur Verbesserung der Dienste“ analysiert werden – ein Interpretationsspielraum, der rechtlich heikel ist.

Der Datenschutzbeauftragte Baden-Württembergs, Dr. Stefan Brink, warnt: „Microsoft darf sich nicht auf implizite Zustimmungen verlassen, wenn sensible personenbezogene Daten verarbeitet werden. Copilot braucht klare Opt-in-Modelle, nicht versteckte Standardfreigaben.“

Schattenprofil im System? Wie Copilot Daten sammelt

Technisch gesehen basiert Copilot auf einer hybriden Architektur: Lokale Datenanalyse wird durch Cloud-APIs ergänzt. Dabei kann es in bestimmten Nutzungsszenarien zu einer ungewollten oder unbemerkten Weitergabe sensibler Inhalte kommen – insbesondere wenn Daten zur Analyse an OpenAI-Server geschickt werden.

Obwohl Microsoft beteuert, dass keine Nutzerdaten zur Trainingsoptimierung des zugrunde liegenden Sprachmodells verwendet werden, lässt sich dies nicht unabhängig verifizieren. Die Datenschutzvereinbarung verweist lapidar auf „produktbezogene Telemetrie“, deren Umfang sich dynamisch an das Nutzerverhalten anpasst. Eine vollständige Deaktivierung ist in der Standardversion von Windows 11 nicht möglich – nur eine Reduzierung auf „minimale Daten“.

Eine Untersuchung des norwegischen Datenschutzinstituts SINTEF aus dem Herbst 2025 zeigte darüber hinaus, dass Copilot-ähnliche KI-Features auch Metadaten wie Zugriffszeitpunkte, Dateinamen und Interaktionsmuster speichern können – oft automatisiert und ohne explizite Zustimmung.

Zahlen zum Verbraucherverhalten: Vertrauen sinkt

Laut einer repräsentativen Umfrage des Digitalverbands Bitkom aus dem Januar 2026 halten 63 % der befragten deutschen Nutzer:innen KI-Funktionen in Betriebssystemen „datenschutzrechtlich problematisch“. Nur 28 % vertrauen darauf, dass ihre persönlichen Daten durch Microsoft vollständig geschützt sind. Auch eine Studie der University of Oxford (2025) ergab, dass 71 % der befragten Teilnehmer:innen nicht wissen, welche Daten KI-Assistenten systemseitig verarbeiten.

In einer Zeit, in der Datenschutz zunehmend als Wettbewerbsfaktor verstanden wird, stellt das ein ernstzunehmendes Signal für Softwareanbieter dar.

Microsofts Reaktion: Zwischen Transparenz und Steuerungslücken

Microsoft selbst reagierte auf die Kritik teilweise mit Nachsicht. Im Rahmen des „Windows 11 24H2 Feature Update“ (veröffentlicht Oktober 2025) wurde ein neuer Datenschutz-Hub integriert, der eine granularere Steuerung der Copilot-Datenzugriffe ermöglichen soll. Beispielsweise können bestimmte Quellen (z. B. Kalender, E-Mail, Webbrowser) nun gezielter einbezogen oder ausgeschlossen werden.

Doch Experten wie Dr. Katharina Riedl vom Fraunhofer-Institut AISEC kritisieren: „Die Oberfläche suggeriert Individualkontrolle, aber im Backend bleiben viele Datenströme Blackboxes. Für eine echte Datenschutz-Compliance fehlen Auditierbarkeit und technische Nachvollziehbarkeit.“

Ein weiterer strittiger Punkt: Die Verbindung zu OpenAI-Servern außerhalb der EU erfolgt unter dem Cloudvertrag „Microsoft Data Processing Addendum“, der zwar Standardvertragsklauseln umsetzt, aber keinen wirklichen Schutz gegen Drittlandüberwachung garantiert.

So schützen Sie Ihre Privatsphäre trotz Copilot

Datenschutz ist nicht nur Aufgabe der Hersteller – Nutzer:innen haben vielfältige Möglichkeiten, ihre Privatsphäre selbst zu stärken. Die folgenden Maßnahmen helfen konkret:

  • Systemeinstellungen anpassen: Öffnen Sie die Windows-Datenschutzeinstellungen und deaktivieren Sie Funktionen wie „Personalisierte Erlebnisse mit Diagnosedaten“ und „Freigegebene App-Nutzung in Copilot“.
  • Firmwareseitigen Netzwerkzugriff kontrollieren: Mit Tools wie GlassWire oder SimpleWall lassen sich Copilot-Verbindungen zu Cloud-Diensten überwachen und individuell blockieren.
  • Separate Benutzerkonten verwenden: Legen Sie für sensible Tätigkeiten lokale Offline-Benutzerkonten an, die nicht mit einem Microsoft-Konto verbunden sind.

Zusätzlich empfehlen Datenschutzexperten, regelmäßig Telemetrie-Berichte auszulesen und zu überprüfen. Dafür bieten PowerShell-Module wie „DiagnosticDataViewer“ tiefergehende Einblicke.

Was fordert die Datenschutz-Community?

Unter dem Motto „Privacy by Design“ verlangen Institutionen verstärkt, dass KI-Assistenten wie Copilot per Default keine personenbezogenen Daten erfassen – außer bei expliziter Zustimmung (Opt-in). Die Berliner Datenschutzbehörde prüft aktuell, ob Microsofts Voreinstellungen systemseitig gegen Artikel 25 DSGVO verstoßen. Auch eine gemeinsame Untersuchung mit niederländischen Behörden ist in Arbeit.

Die Digital-NGO NOYB („None of Your Business“) unter Leitung von Max Schrems kündigte bereits Beschwerden bei mehreren EU-Aufsichtsbehörden an. Zugleich fordern Tech-Verbände wie die Free Software Foundation Europe (FSFE) offene APIs und transparente Datenpfade – um Intransparenz zu verhindern und Interoperabilität zu fördern.

Der Tenor ist klar: Nur wenn die Kontrolle über Daten wirklich beim Nutzer bleibt, kann KI im Betriebssystem langfristig Vertrauen aufbauen.

Fazit: Zwischen Produktivität und Privatsphäre

Microsoft Copilot steht exemplarisch für das Spannungsfeld moderner KI-Systeme: Effizienzsteigerung und Komfort auf der einen – Unsicherheiten und Kontrollverlust auf der anderen Seite. Datenschutz muss hier kein Innovationshemmnis sein, sondern eine gestalterische Chance. Doch solange essentielle Transparenz fehlt, ist Skepsis gerechtfertigt.

Nutzer:innen sollten sich daher bestmöglich informieren, Systeme aktiv konfigurieren und neue Funktionen kritisch hinterfragen. Denn wer die Kontrolle über seine Daten behält, behält auch die Kontrolle über die Technologie.

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