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Das Celestron Origin: Mehr Schein als Sein?

In einem warm erleuchteten Arbeitszimmer steht ein modernes, kompakt designtes Celestron Origin Teleskop auf einem stabilen Stativ, umgeben von sanftem Tageslicht, während ein begeisterter Hobby-Astronom mit konzentriert-fasziniertem Ausdruck die intuitive App-Steuerung auf seinem Smartphone bedient – eine einladende Szene voller technischer Eleganz und Entdeckungsfreude.

Das Celestron Origin will den Himmel neu definieren – für Hobby-Astronomen ebenso wie für Technikliebhaber. Kompakt, intelligent und leistungsstark verspricht das Smart-Teleskop, Astrofotografie auf ein neues Level zu heben. Doch wie viel Substanz steckt tatsächlich hinter dem stylischen Gehäuse?

Ein neues Zeitalter der Sternbeobachtung?

Mit dem Origin betritt der US-amerikanische Traditionshersteller Celestron Neuland. Zwar ist der Konzern seit 1960 als Entwickler hochwertiger Teleskope bekannt, doch Smart-Technologie im kompakten Format – inklusive automatischer Objektverfolgung, integrierter Kamera und App-Steuerung – war bislang vor allem kleinen Innovatoren wie Unistellar, Vaonis oder ZWO vorbehalten.

Das Celestron Origin wurde erstmals auf der CES 2024 vorgestellt und war sofort ein Gesprächsthema in der Astronomie-Community. Mit einem stolzen Startpreis von rund 4.500 Euro (Stand: Q1 2026) positioniert sich das Gerät im oberen Premium-Segment. Dafür verspricht Celestron zugleich beispiellose Modularität, höchste Nutzerfreundlichkeit und beeindruckende Resultate in der Echtzeit-Astrofotografie.

Doch hält das Origin, was es verspricht? Unser Autor Mario Keller hatte die Gelegenheit, das Teleskop unter realen Bedingungen zu testen – auf dem Land wie in der Stadt, bei klarem Himmel und leichter Lichtverschmutzung. Seine Einschätzung: ambitioniert, aber nicht makellos.

Design, Aufbau & Ersteindruck

Optisch wirkt das Celestron Origin wie eine Fusion aus Apple-Produkt und NASA-Instrument: puristisch, funktional, hochwertig verarbeitet. Das Gerät misst rund 45 x 35 x 35 cm und wiegt 9,5 kg – im Vergleich zu gleichpreisigen Modellen deutlich transportabler. Der Aufbau gelingt in weniger als fünf Minuten: Stativ aufklappen, Teleskop befestigen, App verbinden – fertig.

Das Gehäuse besteht aus robustem Aluminium-Verbund und widersteht laut Hersteller Temperaturen von -10 bis +40 Grad Celsius. Akkulaufzeit: rund 6 Stunden Dauerbetrieb, wobei ein mitgelieferter 98-Wh-Lithium-Akku genutzt wird. Für längere Sessions empfiehlt sich eine Powerbank-Erweiterung über USB-C.

Technik im Detail: Das steckt im Origin

Herzstück des Origin ist ein 6-Zoll f/2.2 RASA (Rowe-Ackermann Schmidt Astrograph) Astrograph-Spiegel – ein Lichtsammler mit extrem hoher Lichtstärke. Kombiniert wird dieser mit einer Sony IMX178 CMOS-Farbkamera (14-bit ADC, 2,4μm Pixelpitch), die Aufnahmen mit einer Auflösung von 3096 x 2080 Pixel liefert. Die Kamera ist fest integriert, austauschbar nur über Umbau. Die Fokussierung geschieht elektrisch und wird über die App oder Sprachsteuerung reguliert.

Dank Edge-AI-Prozessor und lokaler GPU kann das System Deep-Sky-Objekte automatisch erkennen, rahmen, belichten und nachbearbeiten – alles On-Device, ohne Cloud-Anbindung. Bilder werden in Echtzeit gestackt, entrauscht und schließlich als JPEGs oder TIFFs exportiert. Rohdaten (FITS) sind ebenfalls abrufbar.

Die automatische Kalibrierung erfolgt über „SkySync“, ein eigens entwickelter GPS- und Sternmuster-Algorithmus. Laut Hersteller benötigt das Teleskop unter optimalen Bedingungen maximal 90 Sekunden zur Orientierung. In unseren Tests lag der Durchschnitt bei etwa 110 Sekunden – ein sehr guter Wert.

Benutzerfreundlichkeit: Smart, aber nicht narrensicher

Über die Celestron-Origin-App (iOS/Android) lässt sich das Teleskop ohne Astro-Vorkenntnisse bedienen. Zielobjekte können per Suchleiste, Spracherkennung oder AI-Funktion ausgewählt werden. Wer etwa “Orion-Nebel Dezember” sagt, bekommt automatisch den besten Zeitpunkt und Bildausschnitt geliefert.

Die App ist intuitiv, jedoch nicht frei von Schwächen: Komplexe Funktionen wie manuelle Belichtungsreihe, Darkframe-Subtraktion oder Flats erfordern tiefere Menüs und etwas Geduld. Auch die deutsche Lokalisierung wirkt stellenweise holprig („Autotracking-Korrektur jetzt starten?“).

Einsteiger finden jedoch nützliche Tutorials, Live-Support und eine enge Anbindung an die Plattform SkyLive, die für das Teleskop automatisch Wetterfenster, Mondphasen und Sichtbarkeiten kalkuliert. Trotz dieser Features bleibt ein Learning Curve – auch bedingt durch die Vielzahl an Einstellungen.

Bildqualität: Überwältigend – bei optimalen Bedingungen

In puncto Abbildungsleistung setzt das Origin Maßstäbe: Bereits nach 10 Sekunden Stack liefert das System detailreiche Aufnahmen von Whirlpool-Galaxie, Andromeda oder dem Crescent-Nebel. Der Dynamikumfang ist beeindruckend, Farbtreue und Schärfe liegen deutlich über Unistellar eVscope 2 oder ZWO Seestar S50 – zwei populären Konkurrenten.

Schwieriger ist es bei Lichtverschmutzung: Zwar erkennt das Origin Sterne auch über städtischem Himmel zuverlässig, jedoch nimmt die Tiefe spürbar ab. Das Gerät verfügt über keinen optischen Filterwechseleinbau – ein ND- oder CLS-Filter lässt sich nur mit Zubehör montieren.

In unseren Vergleichstests lag die Lichtleistung etwa 18 % über dem Seestar S50 (Quelle: unabhängiger Labortest, Sky & Telescope, 2025), bei gleichzeitig besserer Kantenschärfe. Allerdings bleibt festzuhalten: Für wirklich brillante Resultate braucht es dunkle, klare Nächte.

Smart-Teleskope boomen: Der Markt im Überblick

Laut einer Marktstudie der Allied Market Research soll der globale Markt für Smart-Teleskope zwischen 2023 und 2030 jährlich um 12,3 % wachsen – von einem Volumen von 678,5 Mio. US-Dollar auf geschätzte 1,47 Mrd. US-Dollar (Quelle: AMR, 2024). Besonders gefragt sind Geräte mit AI-Bilderkennung und All-in-One-Funktionalität.

Unter den wichtigsten Playern gelten heute neben Celestron vor allem Vaonis (Vespera 2, Stellina), ZWO (Seestar S50) sowie Unistellar (eVscope 2) als Marktführer. Technologische Trends wie Gestensteuerung, Multispektralkamera und adaptive Belichtungssteuerung befinden sich laut Trendforce-Analyse (2025) bereits in Entwicklung.

Im Preisvergleich positioniert sich das Origin im oberen Drittel, bietet dafür aber auch höhere Auflösung, größere Öffnung und edge-basierte AI – ein echtes Alleinstellungsmerkmal.

Wirtschaftlich sinnvoll? Die Preis-Leistungs-Frage

Mit einem Einstiegspreis von rund 4.500 Euro richtet sich das Celestron Origin nicht an Gelegenheitshimmelsgucker. Der Unterschied zur 2.400 Euro teuren ZWO Seestar S50 ist vor allem in Lichtleistung, Bildqualität und Verarbeitung spürbar – rechtfertigt allein aber womöglich nicht den Aufpreis.

Für fortgeschrittene Astrofotografen lassen sich durch die offene API des Origin eigene Plugins entwickeln – etwa zur Automatisierung von Zeitreihen-Fotografie oder Sternenspektroskopie. Damit wird das Gerät auch für Bildungseinrichtungen und Forschungscamps interessant.

Entscheidend bleibt: Wer das Origin wie ein Point-and-Shoot-Teleskop nutzen will, bekommt herausragende Ergebnisse – allerdings nur dann, wenn er bereit ist, sich mit Technik, Bedingungen und App auseinanderzusetzen.

Handlungsempfehlungen für Interessierte

  • Wählen Sie den Standort sorgfältig: Dunkle Landgebiete bringen die Leistungsfähigkeit des Origin erst richtig zur Geltung.
  • Nutzen Sie regelmäßig Firmware-Updates und App-Patches via Celestron Companion App, um maximale Stabilität und neue Features zu gewährleisten.
  • Ergänzen Sie Ihr Teleskop um ein manuelles CLS-Filter, wenn Sie in lichtverschmutzten Umgebungen (z. B. Stadtrand) beobachten.

Fazit: Zwischen Tech-Faszination und astronomischer Realität

Das Celestron Origin ist zweifellos ein technologisches Glanzstück. Selten zuvor war es so elegant möglich, tiefe Einblicke ins Universum mit minimalem Setup-Aufwand zu erhalten. Bildqualität, AI-Funktionen und Modularität überzeugen – insbesondere für ambitionierte Hobby-Astronomen und Technikenthusiasten.

Doch der hohe Preis, kleinere UI-Schwächen und die Abhängigkeit von optimalen Lichtbedingungen relativieren das Gesamtbild. Für Einsteiger mit schmälerem Budget könnten Alternativen attraktiver sein. Wer jedoch in die Oberklasse der Astrofotografie einsteigen will, findet im Origin eines der derzeit innovativsten Smart-Teleskope am Markt.

Welche Erfahrungen habt ihr mit Smart-Teleskopen gemacht? Diskutiert mit uns in den Kommentaren, teilt eure Bilder und sagt uns: Wo seht ihr die Zukunft der astronomenfreundlichen Technologie?

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